Erzählungen

Haben Sie schon vom Bethlehem Thüringens gehört? 

Nein? Tja, ich schon. Ich wohne dort. Gern würde ich sagen, ich bin dort geboren, aber das wäre nicht ganz richtig. Doch soweit ich denken kann, lebe ich in Orlamünde und damit in der ziemlich sicher schönsten Region im Thüringer Saaletal.

Es gehört zu meinen frühesten Erinnerungen hier vor unserem Hof aus auf dem linken Schutzblech eines kleinen grünen kabinenlosen Traktors neben dem Fahrer - meinem Vater - sitzend in Richtung der Felder zu fahren. Dem Sonnenuntergang entgegen, der gegen Ende des Tages seit jeher in unseren Hof strahlt.

Den Kosenamen trägt die Stadt aufgrund ihrer besonderen Lage: Wir siedeln auf dem Nordhang des Saaletals, teils über Sandsteinfelsen und im grünen Dicht liegt der obere Ortsteil. Weithin zu sehen, bis an die Kante bebaut thront er über dem Tal. Auch ohne den Hauch von einem Wolkenkratzer – wir haben ungefähr eintausend Einwohner – kann man da von einer Skyline sprechen. Googeln Sie gern!

Auf etwas älteren Bildern, die Betonung liegt auf „etwas“, wird Ihnen da ein Fremdkörper in unserer Skyline auffallen. Zwar kein Wolkenkratzer, aber eine Art überdimensionierter Schuhkarton, der sich da recht ungeniert in die Idylle aus Häuserzeile und grünen Baumwipfeln drängt. Die Rede ist von unserer ehemaligen Grundschule. Ein guter alter DDR-Plattenbau, bestechend schlicht in rechteckiger Silhouette und ehrlich gesagt: stilistisch absolut unpassend. Aber das soll nun nicht mehr das Problem sein, denn seit Anfang Juli ist von dem Gebäude nur noch ein mächtiger Schutthaufen übrig. Das Gebäude musste nun einem geplanten Neubau weichen, einer kleinen Grundschule mit schicker Glas-/Holzfassade, abgestimmt auf unsere schöne Natur. Also kein Grund für überbordende Sentimentalität. 

Ich habe nie zu den Leuten gehört, die ausgesprochen gern zur Schule gingen. Es war ok, aber zuhause war es eben auch nicht schlecht. Wenn ich an meine Schuleinführung zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an die leckeren Torten, die mir meine Mama gebacken hatte: Eine wunderbar luftige Betida De Coco-Torte und eine andere in viereckiger Form, darauf aus Marzipan ein nachgebildetes „Mensch ärger dich nicht“ Spielfeld samt essbarer Marzipanfiguren. Seitdem hat jeder, der mir etwas backt, bei mir ganz tief einen Stein im Brett. Gefreut habe ich mich auch über die schönen neuen Schulsachen, also die neuen Stifte und meinen Schulranzen – aus irgendeinem Grund stand ich damals wohl auf Delfine, die waren dann auf Ranzen und Zuckertüte. 

Aber ansonsten? Die Schule war halt irgendwie so eine Art Job, den ich möglichst gut machen wollte und bei dem ich eben die Dinge erlebte, die auf dem Hof nicht zu erleben waren. Und da ich schon damals gern das beobachtete, was andere vielleicht nicht so sehr interessiert, kann ich da ein wenig berichten.

Da war etwa unser Werken- und Musiklehrer, ein, vor allem aus damaliger Sicht, älterer Herr, mit einem ebenfalls älteren Brillengestell, der im Musikunterricht zu Beginn erstmal das Schifferklavier auspackte und mit uns ein paar Thüringer Volkslieder schmetterte. So gehört sich das! Das Besondere an seiner Brille war dabei, dass sie fest auf seiner leicht knolligen Nase saß und über die obere Kante seine grauen, borstigen Augenbrauen standen. Vielleicht gab das zusätzlich halt. Aber seine Brille war nicht nur Sehhilfe, sondern auch Werkzeug, wie ich einer Unterrichtsstunde voller Bedauern feststellen musste. Wie es sich für einen Werkenlehrer ziemt, wusste er sie geschickt einzusetzen: Da saß er während unserer Stillarbeit so vor mir und nahm die Brille von der Nase, klappte einen Bügel an und steckte sich den anderen in sein rechtes Ohr. Dort angekommen drehte er das Gestell mit zusammengekniffenem Blick ein paar Runden. Ich beobachtete das recht erstaunt und interpretierte seine zusammengekniffenen Zähne und den breiten Mund zunächst als Lächeln. Nee, das war nicht gemeint. Als er dann soweit war, zog er den Bügel wieder aus dem Ohr, schaute kurz darauf und reinigte ihn dann mit der anderen Hand. Anschließend die Brille wieder aufs Gesicht.

Nicht schlecht, hmm?

Das war nicht alles, was ich da lernte. Einer Werkenstunde, wir bastelten irgendwas aus Papier, vermutlich Papierflieger, brachte er mir bei, wie man beim Falten von Papier so eine richtig schöne Bügelfalz hinbekommt. So eine, die der Papa dann für mindestens zwei, drei Rasuren hätte einsetzen können. Was ich damit meine? Stellen Sie sich vor, sie falten ein Blatt. Wenn die dabei entstehende Kante ordentlich halten soll, muss man sie richtig platt machen. Das geht am besten, indem man den Daumen umdreht und mit dem Daumennagel darauf lang fährt. Mit richtig Druck. Den sah er bei mir scheinbar nicht, ich hatte etwas Nachholbedarf im Druck machen. So kam mein Lehrer an meinen Tisch und beugte sich zu mir: „Du musst richtig drücken, so richtig drauf lang!“ Schwupps, da nahm er meine kleine Hand, drehte den Daumen (samt Hand versteht sich) ganz fachgerecht und drückte ihn auf die Bügelfalz. Recht kräftig. Da sah ich also dabei zu, wie mein kleiner Daumennagel da halb geknickt unter dem Druck über die Bügelkante rutschte und am Knick weiß wurde. Das zog ganz schön – auch am nächsten Tag noch, als der Knick dann blau wurde. Aber hey, ich komm´ vom Land, also alles easy.

Eine irgendwie ähnliche Erfahrung machte ich mit einer Lehrerin. Ihr Markenzeichen war eine kleine Uhr mit schmalem Metallarmband, das ihr um das Handgelenk lag. „Um“ ist in diesem Zusammenhang eine irreführende Bezeichnung, denn vielmehr lag die Uhr im Handgelenk. Hier versank sie. Hautkante über dem Ziffernblatt. Das beobachteten wir immer wieder erstaunt. Die etwas beleibte Dame war ebenfalls Musik- aber auch Deutschlehrerin, soweit ich mich erinnere. Eines Tages kam ich zu ihr vor an den Lehrertisch, dort korrigierte sie einen kleinen Text von mir. Ich hatte meinen Füller in der Hand behalten, den sie mir nun abnahm und für ihre Korrektur nutzte. Nach ein, zwei Mal Ansetzen schloss sie mit der Feststellung „Der schreibt doch gar nicht richtig. Die Feder ist zu gerade, die muss doch so…“ und stellte den Füller vorn auf die Spitze und drückte diese nun auf den Tisch. Unter ihrem Druck bog sich die Spitze nach hinten weg, sodass der gerade gehaltene Füller nun vorn nach unten zeigte. Hmm, nicht optimal. Dann setzte sie in Schreibhaltung erneut an und bog die Spitze wieder ein Stück nach oben, sodass die Feder nun so gewölbt aussah, als wäre ihr einer hinten drauf gefahren. Dann krakelte sie noch ein wenig herum und gab ihn mir wieder. Schönen Dank auch. Die Wölbung behielt der Füller, bis er vor ein paar Jahren gänzlich auseinanderfiel und ich ihn wegwarf. Ob er nun besser schrieb, weiß ich nicht, diese Einschätzung überlasse ich den Experten. 

Eine prägende Zeit also. Und bevor die Helikopter-Leser die Nummer der zuständigen Staatsanwaltschaft googeln: Bleiben Sie geschmeidig, die Dellen in Daumennagel und Füllerfeder waren Ausdruck eines ganz bodenständigen, gutherzigen und, für mein Empfinden, sympathischen Irrsinns, aber keiner kriminellen Energie. Dennoch ahnte ich hierdurch früh, dass es sich lohnen könnte, unseren „Vorgesetzten“ gegenüber skeptisch zu sein.

Die Zeit am Gymnasium war dagegen ungleich komplexer. Hier ging es nun um die wirklich entscheidenden Fragen, etwa: welches Nervensystem hat der Wurm? Was ist der Unterschied zwischen einer Parabel und einer Parabel? Was machten die Uropas zwischen 1939 und 1945? Fragen über Fragen. Es gab viel zu lernen – nicht nur aus Lehrbüchern. 

Nicht selten spiegelte sich dabei die große weite Welt in kleinen Momenten wieder. Da denke ich etwa an unseren Sozialkundelehrer. Mit ihm besprachen wir oft die Nachrichtenlage und touchierten dabei auch politische Diskussionen. Das lohnte sich damals, denn erstmals in der Zeit, in der ich am politischen Denken begann teilzunehmen, war eine neue Partei gegründet worden. Mir schien das spannend. Geführt von Professoren, also von Leuten, die sogar etwas von ihrem Handwerk verstehen, war das doch mal ein neuer Ansatz. Mein Lehrer aber, der die Welt eher durch das linke Auge betrachtete, winkte lässig ab. Das habe keine Zukunft, das gab es schon, die würden bald wieder verschwinden. Ich war enttäuscht – dann wohl doch nichts Neues? Heute steht die Partei in meiner Heimat bei knapp 33%. Statt einem Professor haben wir nun einen blauäugigen Geschichtslehrer abbekommen – der, hoppla, erstaunlich oft wie Goebbels klingt. Das weiß ich übrigens aus dem Geschichtsunterricht. 

Oder kurz zuvor, selbes Fach, anderer Lehrer mit anderem Bart und bedeutungsvollerem Gestus. Wir sollten präsentieren, was wir so in den Nachrichten sahen. In meinem Fall war das ein Bericht über Xi Jinping. Sie wissen schon. Der, der uns bald seine E-Autos bringt. Jedenfalls sprach ich seinen Namen wohl so präzise aus - dem Tagesschau-Sprecher sei Dank -, dass das meinen Lehrer dazu veranlasste, das nach dem Vortrag besonders hervorzuheben. „Das ist nicht selbstverständlich“, merkte er an und blickte bewegt in die Klasse. Schweigen. Mit ihm besprachen wir auch den amerikanischen Wahlkampf. Damals ging es ja noch wirklich um etwas, nicht zu vergleichen mit heute. „Wenn der Romney drankommt, dann können wir uns in Europa warm anziehen. Dann haben wir hier nichts mehr zu lachen. Das kann man nicht hoffen!“ Wir waren auf der Hut – aber hatten Glück: Obama kam dran. Nach ihm Trump. Was mein Lehrer heute dazu sagt, weiß ich nicht.

Entspannter lief es da im Geografieunterricht. Ein bisschen Tektonik, ein paar Flüsse und Seen. Das war vergleichsweise leichte Kost. Unsere Lehrerin, eine coole Persönlichkeit im besten Sinne, genehmigte sich in den Pausen gern mal eine Zigarette auf dem Lehrerparkplatz. Dumm nur, dass der nicht wie der Geografieraum in der 4. Etage lag, sodass sie sich danach wieder die Treppen nach oben kämpfen musste. Dort kam sie dann regelmäßig recht knapp vor Stundenbeginn an und rang ein wenig nach Luft. Meist starteten wir dann unvermittelt in die Stunde und sie setzte direkt mit Begrüßung und Einleitung an. Dafür fehlte ihr aber eigentlich noch der Sauerstoff, sodass das Ganze zu einer Art Sprach-Stoptanz verkam: „Guten Morgen -*schnauf, schnauf* - wir haben ja beim letzten Mal – *schnauf* damit angefangen *schnauf* uns mit … zu beschäftigen *tiefes Durchatmen*.“ Ich betrachtete das mit Erstaunen. Vielleicht waren es auch die Inhalte, die ihr den Atem raubten. Das Potential dazu war da, es ging um Klimawandel und Rohstoffmangel. 

Um uns das Problem mit dem Klimawandel zu verdeutlichen, betonte sie gern, dass sie sich schon immer ein Grundstück am Wasser wünschte. Bei steigenden Meeresspiegeln sei das zunehmend wahrscheinlicher. Sie lebe auf dem Berg mit Blick ins Tal, da sei das kein Problem. Ich konnte da mitlachen, denn raten Sie mal, von welchem Berg in welches Tal sie da blickte. Leider hat das mit dem Wassergrundstück noch nicht geklappt, aber die Nachfrage nach Brunnenbohrungen ist in unserer Region seither massiv gestiegen. So geht Klimawandel eben auch. 

Bei den Rohstoffen war der Blick differenzierter. Die Erschöpflichkeit natürlicher Quellen lag auf der Hand, aber wir stellten fest, dass sich die Einschätzung, wann die Erschöpfung nun eintreten würde, in den Jahrzehnten zuvor immer wieder verschoben hatte. Mit neuen Technologien, neuen Such- und Fördermethoden ging es immer weiter. Gleichzeitig hielt sich in mir fortan der Eindruck oder das Halbwissen, dass nach unseren damaligen Erkenntnissen so ab Mitte bis Ende der 20er Jahre die Grenze erreicht sei. Unweigerlich würden wir auf einen toten Punkt zugehen. Merkwürdige Gewissheit für einen 17-Jährigen, mhh? Tja, die Rohstoffknappheit kam tatsächlich noch vor Mitte der 20er Jahre. Zumindest für Deutschland. 

Nur von dem Krieg, der das verursachen würde, erzählte uns unsere Lehrerin damals noch nichts.

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Ein Text von Dr. Niels Lötel 

Geschrieben im August 2025, veröffentlicht am 10. Februar 2026.

 

 

 

 

 

 

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